Der persönliche Erfahrungsbericht

 

Heute: Carmen B.

             1. Schriftführerin und Gruppensprecherin der Gruppe Guxhagen 1

Thema: Meine Angst vor dem Zahnarzt

Als erstes möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin 32 Jahre, seit 1999 geschieden, keine Kinder. Bei Depash bin ich seit April 1998. Ich steckte damals ziemlich tief in einer Agoraphobie und litt unter einer Angststörung mit Panikattacken. Schon in einer meiner 1. Gruppenstunden stellte ich fest, daß Depash genau der richtige Ort für mich ist. Nach meinem Kuraufenthalt in 98 übernahm ich die Aufgabe der 1. Redakteurin unseres Depash-Kurieres. Diese Aufgabe macht mir bis heute viel Freude, denn hier kann ich meine "schriftstellerisch-kreative Ader" ausleben.

Auch wenn es mir nach meinem Reha-Aufenthalt stetig besser ging, ich zurück zu meinem eigenen Leben fand, meine Erkrankung sich sehr gut gebessert hat, gibt es bis heute noch Dinge, bei denen ich mich extrem überwinden muß. Große Angst habe ich noch immer vor dem Besuch beim Zahnarzt, denn dort brach meine Angsterkrankung wie aus heiterem Himmel aus. Mitten im Wartezimmer bekam ich plötzlich Panik, wußte damals aber nicht, daß es der Beginn einer Angststörung mit Panikattacken und einer Agoraphobie war. Mir war schwindelig, übel, mein Herz raste zum Zerspringen, alles um mich herum war wie in Watte gepackt, ich selbst hatte das Gefühl, außerhalb von mir zu stehen. Kurzum, es war schrecklich. Mein Zahnarzt setzte die Behandlung an diesem Tag nicht fort. Ich dachte, es sei wirklich nur ein "Kreislaufproblem", weil es auch ein sehr warmer Augusttag war. Aber nein! In den nächsten Tagen wurde mein Radius an Tätigkeiten zunehmend kleiner. Einkaufen, Auto fahren, arbeiten, dies alles schien urplötzlich unmöglich.

Knapp 1/2 Jahr nach meinem Reha-Aufenthalt war ich das 1. Mal wieder bei meinem Zahnarzt. Alle Symptome begannen von vorn, doch ich hatte ja in der Reha gelernt, daß mir nichts passieren würde, ich nicht sterbe. Die 1. Behandlung war ganz schrecklich, doch bei den darauf folgenden Terminen merkte ich, daß die Angst abnimmt, je positivere Erfahrungen ich machte ("ist ja gar nicht so schlimm gewesen, hast es geschafft").

Doch dann kam der Tag, an dem ich eine schlimme Wurzelentzündung hatte. Nach der Diagnose verabreichte mir mein Zahnarzt Antibiotika und verschob die Behandlung um 1 Woche. Nach Ablauf dieser Woche nahm ich den Termin wahr, setzte mich auf den Behandlungsstuhl mit dem Wissen, daß ich das schaffe, ich keine Angst haben brauche, da ja die anderen Besuche bei ihm gut überstanden wurden. Aber Fehldiagnose meinerseits! Als er mir die Betäubungsspritze gab, stach er genau in den Entzündungsherd, der von außen nicht mehr erkennbar war! Mir schossen vor Scherz die Tränen in die Augen, ich erschrak total, daß es plötzlich so weh tat und wollte nur noch eines: WEG! Ich ließ die Behandlung noch über mich ergehen, doch zurück zur Arbeit konnte ich nicht mehr. Ich fuhr zu meiner Arbeit und teilte meinem Chef mit, mit dieser Betäubung und den Schmerzen nicht arbeiten zu können, am nächsten Tag aber wieder da zu sein. Das war ich auch, aber leider hatte sich durch dieses negative Erlebnis meine Angst vor einem Zahnarztbesuch wieder breit gemacht.

Sämtliche Versuche, einen Termin beim Zahnarzt wahr zu nehmen, schlugen fehl. Mir fiel immer wieder eine passende Ausrede ein, um den Termin verschieben zu können. Dies gelang mir 2 Jahre prima. Ich bin nicht stolz darauf, ganz im Gegenteil, denn eigentlich war das genau der falsche Weg. Ich hätte weiter jeden Termin wahrnehmen müssen, um zu sehen, daß nicht jeder Besuch in einer Katastrophe und in Schmerzen endet. Durch mein Verhalten manövrierte ich mich immer mehr ins Abseits. Tja und dann trat ein, was eintreten mußte: Höllische Zahnschmerzen! Ich hatte nun die Wahl, mich zu überwinden und mir helfen zu lassen, oder die Schmerzen auszuhalten. Ich versuchte es zunächst mit der 2. Variante, aushalten und ja nicht behandeln lassen. Doch dies ging nicht wirklich lange gut. Ich wurde immer unzufriedener mit mir, die Schmerzen bestimmten mein Leben, beeinträchtigten es enorm, denn richtig essen konnte ich nichts mehr ohne Schmerzen. Auch wurde ich zunehmend aggressiver, jede Kleinigkeit brachte mich innerlich auf die Palme.

Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen und wählte die Nummer meines Zahnarztes. Ich hatte schweißnasse, zitternde Hände, mein Kreislauf spielte völlig verrückt, mein Blick war wie durch Watte hindurch, ich nahm meine Umwelt nicht mehr wahr, bekam aber seltsamerweise dennoch hin, mir einen Termin für den nächsten Tag geben zu lassen. Um 12 Uhr sollte ich kommen! Kaum aufgelegt kamen Gedanken wie "oh Gott, was habe ich da denn angestellt, wie soll ich das schaffen" in mir auf. Ich rief umgehend meine Mutter an und bat sie mit ziemlichem Kloß im Hals, ob sie so nett wäre, mich zu begleiten. Sie stimmte zu.

Ich nahm mir für den kommenden Tag komplett frei. Ich holte um 11 Uhr meine Mutter ab. Ich war gar nicht mehr fähig selbst nach Melsungen zurück zu fahren, das übernahm meine Mutter. Als wir das Haus, in dem die Praxis ist betraten, blieb ich tief luftholend vor der Treppe, die hinauf in die Praxis führte, für ein paar Sekunden stehen. Dann gingen wir nach oben und ich meldete mich an. Danach brach die Belastung aus mir heraus. Ich fing an zu weinen und Verzweiflung breitete sich in mir aus. Ich wollte keine Behandlung mehr, ich wollte nur noch WEG! Dem guten Zureden meiner Mutter habe ich es zu verdanken, daß ich dennoch in das Behandlungszimmer ging. Da wurde es aber dann noch viel schlimmer! Ich konnte mich nicht dazu überwinden, auf dem Behandlungsstuhl Platz zu nehmen. Ich merkte, daß ich langsam hysterisch wurde, fand aber keine Möglichkeit, es zu beenden. Trotzig wie ein kleines Kind verweigerte ich mich zu setzen. Erst nachdem mein Zahnarzt mir versprach, "nur zu gucken", ging ich mit zitternden Knien zu dem Stuhl und setzte mich. Es dauerte nochmals einige Augenblicke, bis ich bereit war, den Zahnarzt gucken zu lassen. Er merkte, daß er heute keine richtige Behandlung bei mir vornehmen konnte und tat, was ich zuließ, nämlich nur eine schmerzlindernde Paste auftragen. Es war klar, daß das nicht lange anhielt, aber ich war froh, den 1. Schritt gemacht und ihn überlebt zu haben.

Mir war dieser "Auftritt" im Nachhinein unheimlich peinlich. Da geht eine erwachsene, sonst so unabhängige Frau von 32 Jahren mit ihrer Mutter zusammen zum Zahnarzt und weint dort, wie ein kleines Kind! Im Erdboden hätte ich vor Scham versinken können!

Als nach 3 Tagen die Schmerzen wieder unerträglich waren griff ich erneut zum Hörer und wählte die Nummer meines Zahnarztes. Ich konnte noch am selben Tag am späteren Abend kommen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und versuchte es diesmal im "Alleingang". Schon beim Betreten des Hauses bekam ich wieder Panik. Nach der Anmeldung mußte ich noch kurz im Wartezimmer Platz nehmen. Je länger ich dort saß, um so ruhiger wurde ich. Komisch, dachte ich, machte aber auch gleichzeitig dem Gedanken Platz, daß ich gleich wohl nicht mehr ruhig sein werde, wenn ich das Behandlungszimmer betrete. So war es dann auch. Ich mußte mich wieder überwinden, Platz zu nehmen und auch dazu, überhaupt den Mund auf zu machen. Wieder ließ ich nur eine Behandlung mit einer Paste zu, keine Betäubung, kein Bohren, kein behandeln, was mich vielleicht mal für länger als ein paar Tage schmerzfrei gemacht hätte.

Enttäuscht von dem Besuch ging ich nach Hause. Angelika L. brachte mich dann dazu, doch vielleicht die von mir bereits in Erwägung gezogene Behandlung in Vollnarkose vornehmen zu lassen. Sie ermutigte mich, bei meinem Zahnarzt zu erfragen, in wie weit dies für mich möglich sei.

Am nächsten Tag fragte ich via Fax bei meinem Zahnarzt an. Da ich inzwischen 1x pro Woche dort hin ging, um mir die schmerzlindernde Paste verabreichen zu lassen, teilte er mir bei der nächsten Behandlung mit, daß diese Form der Behandlung wohl zur Zeit die einzige sei, die für mich in Frage käme. Seine Praxis bietet diese Möglichkeit auch an. Also ging ich den nächsten Schritt und vereinbarte einen Termin. Vorgeschlagen wurde mir Januar, was ich für ausgeschlossen hielt, denn bis dahin würde ich die Schmerzen wirklich nicht ertragen können, es war ja erst Mitte Oktober! Schließlich konnte mir der 05.12.02 als Termin angeboten werden. Ich nahm an und gleichzeitig merkte ich, daß ich das ja auch nicht machen konnte, wo ich doch so unter einer Spritzenphobie leide. Ich lasse mir seit Jahren - wenn irgendwie möglich - nur durch meinen Hausarzt Blut abnehmen. Er hat eine Methode gefunden, mich möglichst schmerzfrei in dieser Hinsicht zu behandeln. Ich habe leider sehr dünne Venen, die auch noch beim Einstich weg rollen, doch wenn man eine Blutdruckmanschette benutzt und gut staut, funktioniert die Entnahme prima. Ich nahm mir vor, den Anästhesisten zu bitten, bei der Narkose eine zu verwenden.

Je näher der Termin rückte, um so nervöser wurde ich. Ich war sogar soweit, alles für mein mögliches Ableben in die Wege zu leiten, was ich durch gutes Zureden von Angelika L. und meiner Schwester dann doch nicht tat. Was ich mir nicht nehmen ließ war, eine selbstgemachte Indianerpuppe von einem Mitglied der Gruppe Guxhagen in Auftrag zu geben und die Herstellerin zu bitten, daß falls etwas schief gehen würde, die Puppe meiner Mutter zukommen zu lassen.

Dann war der Tag da! Ich hatte kaum geschlafen, war total nervös und allein bei dem Gedanken, in ein paar Stunden die Narkose zu bekommen, wurde mir heiß und kalt. Würde ich dem Anästhesist soweit Vertrauen schenken und die Narkose setzen lassen? Wie toll oder nicht toll bekommt er das hin? Was ist danach? Wie lange werde ich mit Schmerzen kämpfen müssen? Wie lange wird es dauern, bis alles abgeschwollen ist? Wie werden die nächsten Tage für mich sein?

Zum Glück konnte ich auch diesmal auf die Hilfe meiner Mutter bauen. Sie begleitete mich vor und nach dem Eingriff und dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Ja, dann war es also soweit. Wir betraten die Praxis. Wieder kämpfte ich mit den Tränen, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte sie nicht unterdrücken. Der Anästhesist begrüßte mich und erklärte mir die Narkose. Nach ein paar Minuten kam er erneut und ich wurde zum Behandlungsraum geführt. Dort nahm ich - wie in Trance - auf dem Stuhl Platz. Nichts um mich herum nahm ich mehr real wahr. Ich dachte: "So, das war es jetzt, hier endet dein Leben!" Gefügig hielt ich dem Narkosearzt meinen linken Arm hin ohne auch nur im Entferntesten darum zu bitten, eine Blutdruckmanschette zu benutzen. Er sprach zu mir, aber ich habe keine Ahnung, was er sagte. Es kam einfach nicht im Gehirn an, warum auch immer. Das einzige, was ich noch weiß ist, daß er mir sagte, er würde jetzt das Narkotikum spritzen, danach würde ich einschlafen. Kaum hatte er das gesagt, glitt ich weg.

Als ich erwachte, war nur eine Schwester bei mir. Ich schaute mich um, ob ich noch in der Praxis war oder auf irgendeiner Intensivstation. Ich war im Behandlungsraum. Nach ein paar Minuten war dann auch meine Mutter da. Sie teilte mir mit, daß mein Auto aus der Motorhaube geraucht habe und sie meinen Onkel zwecks Abschleppens angerufen habe. Ich nahm das hin, ohne Aufregung, ohne mir Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Ich war noch nicht wirklich da.

Mein Stiefvater holte uns dann ab und brachte uns zu mir nach Hause. Nachdem ich wieder etwas klarer war, fragte ich meine Mutter nochmals nach dem Vorfall mit meinem Auto und rief dann meinen Onkel an, um zu erfahren, warum Rauch aus der Motorhaube gekommen war. Kabelbrand!

Meine Mutter blieb über Nacht bis zum nächsten Mittag bei mir. Erstaunlicherweise ging es mir gut. Ich hatte keine Schmerzen, keine Schwellungen, gar nichts. Wir fuhren nach Melsungen, wo ich allein dann  zum Zahnarzt ging, um die Tamponage für die 3 gezogenen Zähne herausnehmen zu lassen. Und diesmal verlief der Besuch dort harmonisch. Ich hatte keine Angst, auf dem Stuhl Platz zu nehmen, den Mund auf zu machen und mich behandeln zu lassen. Ich hatte voll die gute Laune, daß ich alles überstanden und jetzt erst mal alles wieder in Ordnung war.

Am 17.03.03 hatte ich meinen ersten Kontrolltermin und alles ist in Ordnung. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn er mich hätte behandeln müssen, aber ich weiß, daß ich zumindest die Praxis betreten kann, ohne Ohnmachtsgefühle in mir zu verspüren. Ich habe mir fest vorgenommen, daß selbst wenn eine Behandlung - was sich ja früher oder später nicht mehr vermeiden lassen wird - nötig ist, ich diese zulassen werde und auch muß, denn wegen jedem kleinen Loch möchte ich eine Vollnarkose nicht setzen lassen. Es muß auch ohne gehen, ging ja vorher auch und wenn ich nicht immer erst auf den letzten Drücker ankomme, also erst, wenn die Schmerzen unerträglich sind, sondern gehe, sobald ich spüre, es könnte sich ein Loch gebildet haben, denke ich, daß die Behandlung auch nicht so fürchterlich sein wird und ein direktes Einstechen in den Entzündungsherd so auch entfällt. Ich hoffe, daß meine erste reguläre Behandlung mir zeigen wird, daß ich zwar ein mulmiges Gefühl verspüren, aber die Erkenntnis erhalten werde, mich wie jeder andere Patient behandeln lassen zu können. Darauf arbeite ich hin und hoffe, daß ich es schaffe.

Eure Carmen