Plötzlich Angehörige

 

Jeder von uns hat schon einmal einen Angehörigen gehabt, der erkrankt ist. Jeder von uns weiß auch, wie sich dadurch das Lebenmeist kurzfristig (bei Erkältungen, Krankenhausaufent-halten etc.) ändert und wie schwierig es teilweise ist, sein gewohntes Leben mit all den Dingen, die sonst auch erledigt werden müssen (z. B. Haushalt, Kinder, Beruf) weiter zu führen. Aber was, wenn der / die Angehörige unter Angst, Depression oder beidem erkrankt ist? Hier ist die Umstellung noch schwerer, da eine Besserung nicht zeitlich festgemacht werden kann.

 

Im März 98 schloss ich mich auf Grund meiner Angsterkrankung (Agoraphobie mit Panikattacken) Depash an und bin froh, eine Anlaufstelle für mich gefunden zu haben. Seit meiner Kur im Juli 98 weiß ich mit meiner Erkrankung umzugehen und habe sie für mich angenommen. Ich bin sehr glücklich, dass ich nur noch in ganz seltenen Fällen einen leichten Anflug von Angst bekomme, den ich bis jetzt immer gut verarbeiten konnte, ohne dass meine Angst wieder komplett ausgebrochen ist. Aber ich weiß auch, dass das jederzeit wieder passieren kann und passe dementsprechend auf mich auf.

Im Januar 2004 lernte ich meinen jetzigen Partner kennen. Wir sehen uns nur an den Wochenenden und gelegentlich – wenn es uns zeitlich passt – auch mal unter der Woche. Diese Regelung haben wir beide beschlossen und kommen auch super damit zurecht. Mein Partner hat ähnliche Probleme wie ich sie hatte, sein Selbstwertgefühl ist durch seine Unsicherheit, die durch Ängste entstand, teilweise sehr geschwächt. Er ist seit gut einem Jahr selbst in therapeutischer Behandlung. So bin ich nun als Betroffene zur Angehörigen geworden.

In den Gruppen konnte ich immer wieder hören, dass das Verständnis unserer Angehörigen unseren Erkrankungen gegenüber sehr oft zu wünschen übrig lässt und auch ich selbst konnte nicht verstehen, warum uns immer wieder gesagt wird “stell dich nicht so an”. Jetzt kann ich es manchmal nachvollziehen, denn es ist nicht immer einfach, ständig die selben Situationen durch zu sprechen, die letztendlich vom Betroffenen nicht in der Zeit, die wir als Angehörige gern hätten, geändert werden können. Ich habe das “Glück”, beide Seiten zu kennen, ich weiß, was es heißt, Angst zu haben oder mich in einer Depression zu befinden, wo ich gern etwas ändern möchte, es aber nicht KANN! Da ich durch Depash auch einige Fachvorträge und Seminare besucht habe, weiß ich, dass ich als Angehörige Geduld üben sollte, ich weiß aber auch, dass das nicht immer möglich ist und ich selbst auch etwas auf mich achten muss, um nicht all meine Kraft zusätzlich für meinen Partner aufzuwenden, denn dann dreht sich der Spieß womöglich um; ihm geht es gut und ich bin am Ende. Ich kann gut mit meinem Partner über seine Ängste reden, aber ich denke, wenn man als Unbeteiligter plötzlich ein Familienmitglied hat, was unter Ängsten oder Depressionen leidet, sieht das ganz anders aus und ist viel schwieriger. Ich kann immer noch Situationen beleuchten und ihm helfen, Dinge vielleicht anders zu sehen, eine andere Blickrichtung zu bekommen, aber ohne Hintergrundwissen hätte ich sicherlich arge Probleme überhaupt zu verstehen, warum ich Situationen mehrmals

durchsprechen bzw. erleben muss, ohne dass es meinem Partner besser geht.

Alle Angehörigen wollen ihren Betroffenen nichts schlimmes tun sondern ihnen helfen wieder ein Leben zu leben wie vor der Erkrankung. Dies ist aber nicht möglich, denn die Erkrankung bringt immer eine Veränderung bei den Erkrankten und den Angehörigen mit sich. Beide “Parteien” müssen versuchen aufeinander zu zu gehen. Sage ich als Angehörige einem Betroffenen “das schaffst du schon” laufe ich Gefahr den Erkrankten unter Druck zu setzen und dann läuft gar nichts mehr. Er oder sie bekommt noch viel mehr Angst zu versagen, zieht sich noch mehr zurück. Aber als Angehöriger will man ja auch nicht immer zurückstecken, das tut einem selbst ja auch nicht gut. Es ist ein Balanceakt. Zuviel Unterstützung ist nicht gut, zu wenig aber auch nicht. Wichtig ist auf jeden Fall, dass der / die Erkrankte professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, denn ein Angehöriger allein ist mit der veränderten Lebenssituation meist selbst überfordert. Plötzlich muss er / sie sich um Dinge kümmern, die sonst der / die Partner/in übernommen hat, was “Mehrbelastung” bedeutet. Zusätzlich dazu ist es nötig dem/der Erkrankten mehr Aufmerksamkeit zu schenken als sonst. Da bleiben die eigenen Interessen meist auf der Strecke oder werden nicht mehr mit der Freude getätigt, die sonst da war. Für mich ist das alles jetzt auch eine neue Erfahrung aber auch eine Herausforderung. Was ich für mich schon festgestellt habe ist, dass ich manchmal sehr mit mir kämpfen muss, die nötige Geduld aufzubringen. Manchmal hätte ich nicht übel Lust zu sagen: “Du weißt was du ändern musst, fang an es umzusetzen!” Und wenn ich ehrlich bin: So ähnlich habe ich es auch gesagt, allerdings nicht in der Tonlage, die ich am liebsten angewandt hätte sondern in einem ruhigen, sachlichen Ton. Aber manche Menschen haben Probleme damit, die Beherrschung zu bewahren, wenn sie immer und immer wieder in Situationen gedrängt werden, die sie selbst nicht nachvollziehen können.

Ich weiß, dass in Wabern bereits seit einiger Zeit eine “Angehörigengruppe” entstanden ist, die sich gelegentlich trifft. Ich finde das eine prima Sache, denn so haben die Angehörigen auch mal die Gelegenheit sich auszutauschen und Erfahrungen im Umgang mit den Betroffenen zu sammeln.

Ganz toll finde ich, dass aus dieser Gruppe nun eine feste Depashgruppe werden soll. Am 06. Oktober 2004 um 19 Uhr findet in den Waberner Gruppenräumen die offizielle Gründung dieser Gruppe statt. Alle Angehörigen sind herzlich eingeladen daran teil zu nehmen. Auf Anfrage unserer des geschäftsführenden Vorstandes werde ich die Leitung vorläufig übernehmen. Interessenten können sich gern unter EMail an team@depash-nordhessen.de bei mir melden.

Herzlichst

Eure Carmen

Autorin: Carmen B.