Erfahrungsbericht

        Autorin: Helga Jakob (1. Vorsitzende)

Titel: Mein Weg zu lernen mit Depressionen und Ängsten umzugehen

 

Anfang Januar 1994 wurde ich krank, es begann mit starken Rücken- und Schulterschmerzen, die sich – trotz Medikamenten und Massagen – nicht besserten. Dazu kam eine große Müdigkeit und Schwäche im ganzen Körper.

Am 14. Februar 94 kam ich vom Arzt und mein Mann erzählte mir, dass sich eine Frau aus unserem Ort das Leben genommen hatte. Diese Aussage erinnerte mich an die Lebensumstände der Frau, die mit meinen identisch waren.

Meine Gedanken kreisten nur noch darum, dass ich dachte “lieber Gott, hilf mir, dass ich nicht das gleiche tue wie diese Frau”. Die Gedanken wurden so massiv, dass sie den ganzen Tag, ja sogar mein ganzes Leben bestimmten. Ich zog mich zurück, ging nicht mehr nach draußen, hatte Angst, dass meine Familie, meine Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen merken könnten, dass ich Depressionen habe. Jeder Tag war der reinste Horror! Ich saß im abgedunkeltem Raum, hatte den Fernseher an, obwohl ich von dem, was dort gezeigt wurde, überhaupt nichts mit bekam. Nachmittags ging es mir immer ein klein wenig besser, weil ich dachte “bald hast du diesen verdammten Tag geschafft”.

Meine größte Sorge war: Hoffentlich merken meine Kinder nicht, wie sehr ich neben mir stehe und lassen dann womöglich meinen Enkel, der derzeit 7 Jahre war, nicht mehr zu mir.

Es kostete mich viel Kraft, nicht über meine Erkrankung reden zu können, alles allein mit mir abmachen zu müssen. Im April des gleichen Jahres bekam ich dann meine 1. Panikattacke.

Mein Mann und ich waren auf eine Silberhochzeit eingeladen und man bat mich, dort einen Sketch vor zu tragen. Da ich ja keinem sagen konnte, wie es um mich stand, sagte ich zu. Meine Gedanken gingen dahin, dass ich dachte “wie soll ich das schaffen? Alle werden merken, dass ich neben mir stehe”. So kam es, dass ich einen Tag vor der Feier meine 1. Panikattacke bekam.

Mir wurde auf einmal so schwindelig, das Herz begann zu rasen, die Beine zitterten und ich dachte, ich müßte sterben. Mein Mann rief den Notarzt und ich wurde mit dem Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht. Dort angekommen, waren all meine Symptome wie weggeblasen und man wußte nichts mit mir anzufangen. Ich sagte, dass ich Depressionen hätte, worauf die behandelnde Ärztin antwortete, dass ich nicht so aussehe, als hätte ich welche.

Ich kam so, wie ich in die Klinik kam, auch wieder nach Hause und schluckte weiter Antidepressiva, die mir mein Hausarzt verordnet hatte, ohne Erfolg weiter.

Mein Leben sah nun so aus, dass ich neben meinen Depressionen täglich eine Panikattacke hatte und das Haus nicht mehr verlassen konnte.

Mein Mann, der mittlerweile gemerkt hatte, was mit mir los war, brachte mich zum Facharzt. Ich bekam andere Medikamente, doch leider wieder ohne Erfolg.

Mein Tagesablauf war jetzt so, dass ich morgens aufstand, ein paar Schlucke Kaffee zu mir nahm, dann im abgedunkelten Raum auf dem Sofa lag. Es war mir auch egal, ob ich dort gewaschen und angezogen oder noch im Nachthemd lag. Mein Haushalt war das reinste Chaos und es gab nichts mehr zu Mittag. Ich war nur noch leer und ausgebrannt.

Mein Mann brachte mich dann zur stationären Behandlung in die Hephata-Klinik in Treysa, wo ich 8 Wochen blieb.

Mein Zustand hatte sich dort etwas gebessert und man riet mir zu einem Aufenthalt in einer Psychosomatischen Klinik. Diesen Rat befolgte ich.

Hier wurden Gesprächsgruppen, Einzeltherapie und vieles mehr angeboten. All das habe ich versucht zu nutzen, aber ich merkte, dass ich mich nicht öffnen konnte. In mir war alles tot. Ich konnte nicht über Gefühle, Ängste, Sorgen und Nöte sprechen. So hatte auch dieser Klinikaufenthalt wenig Erfolg.

Wieder daheim, verschlechterte sich mein Zustand von Tag zu Tag, so dass mir der Gedanke kam, mir das Leben zu nehmen. Ich war aber zu feige dazu. Nun kam mir der Gedanke, vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn ich in der Reha geredet und mich geöffnet hätte.

Ich suchte mir einen Therapieplatz und fand einen in Melsungen bei Frau von Arnim. Am Anfang der Therapie hatte ich das gleiche Problem, ich konnte nicht mal einen Satz vollständig sprechen. Meine Therapeutin versuchte alles mögliche, mich zum Reden zu bringen, bis ihr eines Tages der “Kragen” platze und sie zu mir sagte, dass wenn ich nicht bald reden würde, könne sie auch keine sinnvolle Therapie mit mir machen.

Für mich waren diese Worte der Weg in die richtige Richtung, denn ich dachte, dies darf nicht wieder scheitern. Ich mochte meine Therapeutin und hatte gemerkt, dass sie mir helfen möchte. Die Gespräche dort waren für mich die reinste Qual, aber so nach und nach merkte ich, dass ich lockerer wurde, das Selbstvertrauen kam Stück für Stück zurück und ich konnte erkennen, dass ich auch jemand war.

Nach 1 ½ Jahren Krankheit ging ich wieder zur Arbeit. Es war schwer, aber ich habe es geschafft. Ich konnte jetzt – das was ich in der Therapie mit Frau von Arnim besprach – auch für mich umsetzen. Ich lernte mit meiner Erkrankung umzugehen und nahm sie auch an.

Die Therapie war Schwerstarbeit für mich, aber ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen. Außerdem habe ich viel verändert in meinem Leben – dies hat mir, und letztlich auch meiner Familie, gut getan.

Anfang 97 war ich dann noch mal in einer Psychosomatischen Klinik zur Reha. Hier konnte ich die angebotenen Therapieformen mit machen und auch reden. Ganz wichtig war für mich der Austausch mit Betroffenen in der Freizeit und ich konnte für mich noch mal viel mit nach Hause nehmen.

Der Austausch unter den Betroffenen, das gegenseitige verstanden werden, war für mich ein wichtiger Aspekt die Depash-Gruppen zu gründen.

Zu Hause angekommen, habe ich mein Anliegen in die Tat umgesetzt und am 30.09.97 die 1. Depash-Gruppe in Melsungen gegründet. Wie es weiter ging, wißt ihr ja selbst am besten.

Ich habe von Zeit zu Zeit auch heute noch depressive Verstimmungen und Ängste. Wenn ich heute fühle, dass es mir nicht gut geht, hole ich mir Hilfe in den Gruppen oder bei meiner Therapeutin und mache es nicht mehr mit mir allein aus.

Ich möchte jeden ermutigen, den Kampf gegen die Erkrankung aufzunehmen. Es lohnt sich!

Herzlichst

Eure Helga