Welche Angststörungen gibt es?

Alle Menschen leiden irgendwann in ihrem Leben vorübergehend unter Stress und Alltagsängsten. Viele und möglicherweise sehr viele Menschen erleben ausserdem bei vorübergehenden Belastungen eine Mischung von Verstimmung, körperlichem Unwohlsein und Angstgefühlen, die jedoch zumeist mit Abklingen der Lebensbelastungen von alleine verschwinden. Hierzu gehören zumeist auch die Ängste im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen und Unfällen.

Angsterkrankungen, so wie sie in diesem Artikel besprochen werden, treten – vorsichtig geschätzt – bei zirka 13 % aller Jugendlichen und Erwachsenen auf. Über 10 % aller Menschen leiden im Laufe ihres Lebens so stark, häufig und lang andauernd unter Ängsten, dass es zu Vermeidungsverhalten, ausgeprägtem Leiden und deutlichen Einschränkungen im alltäglichen Leben kommt.

Wenn dieser Zustand über Jahre andauert, kann es bei manchen Menschen auch zu weitergehenden, schwerwiegenden Komplikationen und zu Begleiterkrankungen kommen: z.B. zu Medikamenten- oder Alkoholproblemen oder zu einer zusätzlichen depressiven Erkrankung. Dies ist ungefähr bei weiteren 3 % aller Menschen der Fall. Die am häufigsten vorkommenden Angststörungen sind

  • die Panikstörung,
  • die Generalisierte Angststörung,
  • die Agoraphobie (oder Platzangst),
  • die Soziale Phobie
  • und die Spezifische Phobie.

Im folgenden werden diese Angststörungen kurz beschrieben und zur Verdeutlichung jeweils einige Schlüsselmerkmale aufgeführt. Dies soll Ihnen im Sinne einer ersten “Selbstdiagnose” helfen zu erkennen, ob Sie möglicherweise unter einer oder mehreren dieser Angsterkrankungen leiden.

Genauer können Sie dies nochmals am Ende des Artikels mit dem Angstfragebogen überprüfen.

Die Panikstörung ist an plötzlichen und unerwarteten Panikanfällen oder –attacken zu erkennen. Für die Attacken ist auf den ersten Blick kein eindeutiger Auslöser zu erkennen.

Panikstörungen erkennt man an . . .

. . . Panikanfällen: plötzlich und unerwartet, kein eindeutiger Auslöser, keine Erklärung

. . .  körperlichen Symptomen: Herzklopfen, Brustschmerz, Ersticken, Schwindel

. . .  psychischen Symptomen: Furcht zu sterben, die Kontrolle zu verlieren, einen Herzanfall zu

       bekommen.

Die Attacken sind zumeist durch vielfältige körperliche Symptome gekennzeichnet, die sich innerhalb weniger Sekunden oder Minuten zu einem Höhepunkt steigern. Hierzu gehören z.B. Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsanfälle und Schwindel. Oftmals haben die Betroffenen dabei auch die Angst zu sterben oder einen Herzanfall zu erleiden. Panikanfälle sind im Grunde mit einer sehr intensiven Schreck-Angst-Situation vergleichbar, abgesehen davon, dass kein vernünftiger Anlass zu ermitteln ist, d.h. Panikanfälle treten “Wie aus heiterem Himmel” plötzlich auf. Obwohl derartige Panikanfälle oft nur Minuten dauern, gehören sie zu den Störungen, die unser Leben besonders stark beeinträchtigen können.

Nach einer solchen Panikattacke suchen die Betroffenen oft sofort einen Arzt auf, um z.B. das Vorliegen einer Herzerkrankung auszuschliessen. In der Regel finden sich aber auch bei sorgfältigster Diagnostik durch Arzt und Facharzt keinerlei körperliche Erkrankungen, die diese Angstattacken erklären. Das Fehlen einer eindeutigen körperlichen Ursache ist in der Regel für den Betroffenen keine Beruhigung. Da viele Ärzte die Diagnose Panikstörung und ihre Behandlung nicht kennen, bleiben die Mehrzahl aller Betroffenen zunächst über Monate und oft Jahre verunsichert zurück. In der Angst, eine weitere und nicht kontrollierbar erscheinende Panikattacke nochmals zu erleiden, entwickeln Betroffene oft sehr schnell eine schwere Erwartungsangst. Sie vermeiden dann alle möglichen Situationen, die als risikoreich erscheinen: z.B. Bus- und Autofahren, Einkäufe erledigen oder überhaupt alleine aus dem Haus zu gehen. Ihre einzige Hilfe besteht oft darin, dass sie Beruhigungsmittel von ihrem Arzt erhalten, die zumindest zeitweise eine Erleichterung bringen, das Problem als solches aber nicht lösen. Im Gegenteil erhöht sich sogar die Gefahr einer Chronifizierung bis hin zur Abhängigkeit von dem Medikament.

In solchen Fällen kann das soziale Leben, insbesondere das Familien- und das Berufsleben, erheblich belastet werden. Viele Betroffene werden auch aufgrund ihrer Beeinträchtigung und der Belastung durch die Angst depressiv.

Die Generalisierte Angststörung beginnt im Gegensatz zur Panikstörung meist langsam.

Generalisierte Angst erkennt man an . . .

. . . monatelang andauernden Ängsten, Sorgen und Befürchtungen

. . .  körperlicher Unruhe, Schlafstörungen, Unfähigkeit, sich zu entspannen

. . . vielfältigen körperlichen Symptomen, wie Schwitzen, Herzrasen, Magenbeschwerden, Übelkeit,

       Erstickungsgefühl, Schwindel

Sie ist durch übertriebene, eigentlich unrealistische, andauernde Besorgnisse, Ängste und Befürchtungen in bezug auf vielfältige Aspekte des Lebens charakterisiert. Deshalb nennen wir sie auch generalisiert. Menschen, die von der generalisierten Angststörung betroffen sind, machen sich fast den ganzen Tag Angst und Sorgen darüber, ob möglicherweise dem Ehemann auf dem Weg zur Arbeit, den Kindern in der Schule oder Verwandten etwas zugestossen sein könnte, obwohl eigentlich kein Anlass dazu besteht. Im Zusammenhang damit treten viele seelische und körperliche Probleme auf: z.B. ängstliche Anspannung, körperliche Unruhe, die Unfähigkeit, sich zu entspannen, Schlafstörungen, Schwindel, Magenbeschwerden, Hitzewallungen, Ein- und Durchschlafstörungen sowie Reizbarkeit.

Menschen, die von dieser Störung betroffen sind, werden wegen ihrer vielgestaltigen körperlichen Symptome medizinisch oft nur mit Medikamenten zur Linderung von Schlafbeschwerden und Nervosität behandelt. Die eigentliche Grunderkrankungen – die “Generalisierte Angststörung” – wird oft übersehen.

Beide Formen von Angststörungen – die Panikstörung und die Generalisierte Angststörung – sind keine seltenen Krankheiten. In Deutschland sind oder waren früher in ihrem Leben mehr als 2 Millionen Menschen davon betroffen. Frauen etwas häufiger als Männer. Früher wurden diese beiden Erkrankungen übrigens zusammengefasst als Angstneurose bezeichnet – ein Begriff, der sich allerdings als nicht zutreffend und therapeutisch als wenig hilfreich erwiesen hat.

Die Agoraphobie (oder Platzangst) tritt auch häufig zusammen mit der Panikstörung auf. Der Begriff Agoraphobie schliesst das ein, was man früher als “Platzangst”, also als Angst vor weiten offenen Plätzen, bezeichnet hat. Das Hauptmerkmal der Agoraphobie ist die Angst vor Situationen, in denen eine Flucht nur schwer möglich ist oder aber keine Hilfe verfügbar wäre. Typische Situationen sind z.B. die Angst vor Plätzen, Menschenmengen, dem Fahren in Verkehrsmitteln wie Bus oder Auto oder die Angst einzukaufen und Schlange zu stehen.

Agoraphobien führen in der Regel erst im Laufe von Monaten und Jahren zu erheblichen Einschränkungen in der Lebensführung. So z.B. weil das Einkaufen nicht mehr möglich ist und viele Alltagsverrichtungen nur in Begleitung vorgenommen werden können. Viele Betroffene können nach einigen Jahren gar nicht mehr das Haus verlassen. Agoraphobien treten bei Frauen doppelt so häufig auf wie bei Männern. Ungefähr 5 % der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einer Agoraphobie.

Die Soziale Phobie umfasst unangemessen starke Ängste vor sozialen Situationen wie sich in Gegenwart anderer zu äussern, vor anderen zu reden oder zu essen oder in anderer Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer zu stehen. Andere typische Situationen schliessen auch ein, mit anderen zu essen sowie zu schreiben, wenn jemand zusieht. Typischerweise beginnen Soziale Phobien bereits in der frühen Jugend schleichend und kaum merklich. Erste Anzeichen dieser Angststörung zeigen sich oft als ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung. Zu gravierenden beruflichen oder privaten Problemen kommt es in der Regel bei grösseren Lebensveränderungen, wie z.B. nach einer Beförderung, wenn der oder die Betroffene plötzlich gezwungen ist, zu oder vor anderen Leuten zu sprechen. Ober bei neuen Partnerschaften oder Freundschaften, weil man nicht ins Kino oder Restaurant mitgehen kann.

Spezifische Phobien schliesslich bezeichnen unangemessene und starke Ängste und Angstreaktionen, die sich nur auf bestimmte Tiere, z.B. Spinnen, und auf bestimmte Objekte und Situationen beziehen, z.B. vor Höhen, Schwimmbad oder tiefen Gewässern, engen Räumen bzw. dem Gefühl des Eingeschlossenseins. Seltener sind starke Ängste vor Blut und Infektionen. Bei der sozialen und bei der Spezifischen Phobie finden sich selten ausgeprägte Panikreaktionen. Vielmehr steht hier in der Regel die Vermeidung von Situationen im Vordergrund. Auch die Spezifische Phobie beginnt in der Regel bereits in der frühen Jugend schleichend und entwickelt sich erst nach Monaten und Jahren zu einer schweren und das Leben beeinträchtigenden Störung.

Allen phobischen Störungen sind mehrere Merkmale gemeinsam:

  • die körperlichen Aspekte der Angst wie Zittern, Herzklopfen und Schwitzen in Erwartung oder beim tatsächlichen Eintreten der Situation bzw. der Gegenüberstellung mit dem befürchteten Objekt,
  • die Vermeiden dieser oder ähnlicher Situationen sowie
  • eine Beeinträchtigung des Alltagslebens durch die Angst und das Andauern der Störung über längere Zeit.

Auch Phobien sind weit verbreitet und sind keine seltene Erkrankung. Fast 5 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit oder waren in der Vergangenheit an einer Phobie erkrankt.

Achtung! Gerade phobische Störungen werden oft übersehen und vom Betroffenen, aber auch von vielen Ärzten und den Angehörigen bagatellisiert. Dies gilt leider vor allem für die noch leicht erscheinenden Frühphasen der Erkrankung, bei denen oft durch wenige Übungen noch problemlos eine schlimmere Krankheitsentwicklung abgewendet werden kann. Fast alle Phobien beginnen schon in der Kindheit oder der Pubertät. Anfangs oft kaum merklich und schleichend, werden über Monate und Jahre immer mehr Lebensbereiche betroffen. Eltern und Freunde, aber auch Ärzte und Psychologen übersehen dies wegen der langsamen und kaum merklichen Weiterentwicklung so lange, bis es zu nicht mehr übersehbaren Defiziten und dem Vollbild der Erkrankung gekommen ist. Die Betroffenen selbst sprechen auch aus Scham, Verlegenheit und Nichtwissen nur selten spontan über ihre Angstgefühle.

Andere Angststörungen

Neben diesen drei Gruppen von Angststörungen im engeren Sinne gibt es aber auch noch andere Angststörungen, auf die wir nur am Rande eingehen können.

Posttraumatische Belastungsreaktion: Hierbei handelt es sich um die Angst, die nach einem oder mehreren schrecklichen Erlebnissen (Trauma) über Monate oder Jahre zurückbleibt – z.B. nach einer körperlichen Gewalttat oder nach Naturkatastrophen. Hauptkennzeichen sind zum einen immerwährende Erinnerungen an das Ereignis in Form von Alpträumen sowie die fortwährende Angst, das Ereignis könnte sich wiederholen. Deshalb vermeiden Betroffene mit dieser Erkrankung nach Möglichkeit alle damit zusammenhängenden Situationen und Dinge. Zum anderen entwickeln Patienten mit dieser Störung nach dem Trauma häufig eine übertriebene Schreckneigung, Ein- und Durchschlafstörungen und Reizbarkeit und zeigen oft erhebliche Konzentrationsstörungen.

Anpassungsstörungen: Eine häufige “mildere” Form der Angsterkrankungen, die oft nur vorübergehender Natur ist, sind die sogenannten Anpassungsstörungen. Wie der Name sagt, stehen hier Ängste im Vordergrund, die mit einer überstarken emotionalen Reaktion auf veränderte Lebensumstände zu tun haben. Beispiele sind ein Umzug in einer veränderte Umwelt oder die alten Freunde, Kontakte und gewohnten Lebensbezüge oder andauernde Sorgen und Ängste nach einer bedrohlichen Nachricht, z.B. nachdem man erfahren hat, an einer schweren körperlichen Erkrankung, (z.B. Brustkrebs, Herzerkrankungen) zu leiden.

Nochmals muss darauf hingewiesen werden, dass Ängste auch bei bestimmten körperlichen Erkrankungen vorkommen, z.B. als Zeichen für eine ernste Herzerkrankung sowie bei Schilddrüsenerkrankungen.

Auch bei sehr schweren Depressionen oder sogenannten Psychosen können in deren Verlauf einzelne Angstsymptome auftreten. Diese letztgenannten Erkrankungen – auch wenn sie sehr viel seltener als die Angststörungen im engeren Sinne sind – erfordern auf jeden Fall eine fachärztliche Abklärung.

 

Quelle: Hexal-Ratgeber Angst