Depash - Depression und Angst Selbsthilfe e.V. Nordhessen

Angst und die Entstehung des Selbstwertgefühles

Ca. 90 interessierte Zuhörer waren dem Aufruf der Veranstalter zu dem Fachvortrag "Angst und die Entstehung des Selbstwertgefühles" im evangelischen Gemeindehaus Wabern gefolgt.

Die 1. Vorsitzende des Vereins Depash, Fr. Helga Jakob, begrüßte alle Anwesenden recht herzlich und besonders den Pfarrer der Gemeinde Wabern, Hr. Gerlach, die Seniorenbeauftragte Fr. Weizenburger und den Referent des Abends, Hr. Dr. Miermeister, an den sie das Wort sogleich weiter gab.

Hr. Dr. Miermeister bedankte sich für die Einladung und stellte sich kurz vor. Er habe schon in seiner Studienzeit mit Organisationen wie die in Kassel ansässige K.I.S.S. gearbeitet und halte es für sehr wichtig, dass es Selbsthilfegruppen in Bezug auf Depression und Angst gibt. "Selbsthilfe", so Hr. Dr. Miermeister "ist ein sich auf den Weg machen, nicht Opfer sein".

Wie läuft Angst ab? Was passiert im Körper?

Beispiel: Ein Frühmensch geht in den Wald um Beeren zu sammeln. Plötzlich sieht er einen Bären. Er weiß, dass diese Situation gefährlich für ihn werden kann. Sein Gehirn sorgt für Alarmstimmung und schüttet Adrenalin aus. Dies bewirkt, dass das Herz zu rasen beginnt, die Muskulatur wird extrem durchblutet, während andere Organe wie z.B. der Magen, weniger durchblutet werden. Die Atmung beschleunigt sich und die Körperkühlung (schwitzen) setzt ein.

Der Frühmensch hat 2 Möglichkeiten: Er flüchtet oder kämpft. In Anbetracht der Tatsache, dass er im Kampf gegen den Bären kaum eine Chance hat, flüchtet er, rennt um sein Leben. Panik breitet sich im Körper aus. Die Belohnung, die er für seine Flucht erhält, ist Erleichterung.

Auch Frühmenschen haben bereits in ihrem kollektiven Gedächtnis gespeichert, dass wenn sie in den Wald gehen, sie einem Bären begegnen könnten und sind dementsprechend vorsichtig geworden.

Fest gespeicherte Programme (Bär = Gefahr = Flucht davor) können in anderen Situationen allerdings nicht immer die besten sein. Auch in der Tierwelt zeigt sich, dass feste Programme nicht immer die besten sind. Beispiel: Ein Igel überquert eine Bundesstraße. Er weiß, dass wenn ein Hund auf ihn aufmerksam wird, ist es das Beste, er rollt sich ein. Dies gilt aber für eine befahrene Bundesstraße keinesfalls. Aber der Igel hat nicht gelernt, dass es in dieser Situation besser wäre, sich nicht einzurollen, sondern weg zu laufen, wenn er ein Auto hört.

Neue Programme wie z.B. schwimmen, Rad fahren oder Tanzen, müssen von uns erst erlernt werden. Haben wir sie erlernt, automatisieren sie sich.

In einem Versuch sollte festgestellt werden, inwieweit die Angst in einer immer wiederkehrenden Situation abnimmt. Hierzu wurde ein sich in einem Käfig befindlicher Affe in einen Raum gestellt, in dem ein bellender Hund war. Der Affe zeigte extreme Angstreaktionen. Bei häufiger Wiederholung stellte man fest, dass der Affe immer weniger Angstmerkmale aufwies. Er stellte fest, dass ihm in dem Käfig nichts passieren kann.

Man stellte nun einen 2. Affen aus der gleichen Familie, den man mit Beruhigungsmitteln gefüttert hatte, mit in den Raum. Erstaunlich war, dass keiner der Affen Angst zeigte.

Für uns heißt das, dass wenn wir mit einem vertrauten Menschen in für uns schwierige Situationen gehen, wir weniger Angst haben, da wir nicht auf uns selbst gestellt, wir in Begleitung sind. Ein vertrauter Mensch reduziert die Angst um 80 %.

Sowohl körperlicher Schmerz als auch psychischer können sich verselbstständigen. Dem Patienten ist nicht bewusst, woher diese Angst kommt, warum sie entstanden ist.

Phobien (z.B. Angst vor Spinnen) sind innerbedrohliche Symbolängste, die unrealistisch hoch sind. Sie sind nicht real bedrohlich, lösen aber in dem Patienten höchste Panik aus. Diese Ängste sind mit Verhaltenstherapie sehr gut heilbar.

Realangst hingegen ist z.B. die soziale Phobie (nicht unangenehm auffallen wollen).

Was, wenn Stress nicht kontrollierbar ist, die Angst also immer wieder kehrt?

Dauerstress bewirkt, dass die Nebennierenrinde das Hormon Cortisol produziert. Die Wirkung auf das Gehirn ist die Auflösung starker Bahnungen, es kommt zur Auslöschung erlernter Muster. Dadurch entstehen im Gehirn "Verschaltungen" und neue Programme werden gestartet. Statt die geteerte Straße zu nehmen, geht der Patient Feldwege. Bewährte Verhaltensweisen werden gekappt und neue aktiviert, neue Denkweisen entstehen.

Unkontrollierter Stress löst Angst aus, wobei es dann zum zunehmenden Realitätsverlust kommt, denn ein Einkauf ist nicht wirklich gefährlich, der Patient empfindet es aber für sich selbst bedrohlich. Ein gutes Beispiel: Ein Patient fährt auf der Autobahn, plötzlich ist Stau und er bekommt eine Panikattacke. Im Mandelkern (Gefühlsgedächtnis) wurde gespeichert, dass es beim letzten Mal einen Stau gab, worauf Angst entstanden ist. Bei der nächsten Fahrt auf der Autobahn hat er bereits von Beginn an ein komisches Gefühl, denkt, es könnte wieder ein Stau sein und reagiert mit Panik darauf. Man nennt das auch "die Angst vor der Angst".

Um nicht ein Leben lang mit diesem Gefühl auf der Autobahn fahren zu müssen, sollte der Patient statt die Autobahn zu vermeiden, sich in kleinen Dosen immer wieder in diese Situation begeben, damit er für sich selbst feststellen kann, dass die Angst abnimmt, es nicht immer zu Stau kommt.

Angst hängt immer mit der eigenen Bewertung zusammen. Jeder Mensch bewertet Situationen anders. Fällt Mensch A durch eine Prüfung, so sagt er sich: "Gut, dann muss ich es eben erneut versuchen, mich noch besser vorbereiten", Mensch B fühlt Scham, er hat Schuldgefühle, hat das Gefühl, vor einem innern Richter zu stehen, der sein Misslingen verurteilt, ihm einredet, es sei eine Schande, durch die Prüfung gefallen zu sein.

Es gibt unkontrollierte äußere (körperliche) und innere (Schuldgefühle) Angstzustände.

Menschen, die ihr Leben lang nach festen Verhaltensmustern erfolgreich gelebt haben, haben mit Veränderungen extreme Probleme. Nehmen wir einen Mann, Mitte 40, der immer ein hoch angesehener Kollege war. Sein Beruf ist Vertreter. Er erzielt hohe Umsätze, ist beliebt. Nun kommt ein jüngerer Kollege, der in seiner Art ähnlich ist wie unser Vertreter. Unser Vertreter setzt sich unter Leistungsdruck, wird mit der neuen Situation nicht fertig. Oftmals enden diese Veränderungen damit, dass der Betroffene sich dem Alkohol hingibt, Depressionen bekommt und sich im schlimmsten Fall das Leben nimmt.

Er muss lernen, mit der neuen Situation umzugehen, sein Gehirn muss neue Verhaltensmuster aufbauen.

Wie baut sich das Selbstwertgefühl auf?

Jeder Mensch ist gleich viel Wert, doch leider haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, uns mit anderen Menschen zu vergleichen. Wir wollen durch unsere Mitmenschen bewertet und gelobt werden. Hat ein Mensch das Gefühl die Anerkennung fehlt ihm, so wird er ein Leben lang versuchen zu kompensieren. Die Maßstäbe werden im sozialen Umfeld gesetzt. Es wird bewertet, ob jemand zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn ist, ja sogar ein Kind muss gesund geboren werden.

Man versucht sich ein Bild zu machen, wo in der Rangordnung man selbst steht. Wir vergleichen uns meist mit Personen, die wesentlich selbstsicherer sind, als wir, die für uns ihr Leben besser im Griff haben, was zu Unsicherheit und Scham führt. Wir haben Zweifel an uns selbst, schämen uns, nicht so zu sein, wie andere.

Wie bin ich geworden, wie ich bin?

Das liegt an unserer Erziehung, unserem sozialen Umfeld, Freunde, Verwandte etc.

Wie kann ich wieder selbstsicher werden?

Wichtig ist, sich selbst, seine Familie und sein Umfeld anzunehmen, sich selbst und sein Umfeld zu akzeptieren. Man muss sich selbst mit all seinen Fehlern, Stärken und Schwächen lernen zu akzeptieren. Alles gehört zu einem selbst und das ist gut so.

Die Angst hilft uns, uns besser zu verstehen und durch sie passieren mit uns selbst Veränderungen. Angst ist also nicht nur schlecht, sondern durch sie haben wir die Chance, uns selbst zu verwirklichen, Änderungen vorzunehmen, die wir ohne sie nicht für nötig gehalten hätten.

Im Anschluss beantwortete Hr. Dr. Miermeister ausführlich Fragen zum Thema Angst.

Wir bedanken uns recht herzlich bei den Depash-Mitgliedern der Gruppe Wabern, der evang. Gemeinde Wabern und dem Referent für diesen interessanten Vortragsabend.

Redaktion: Team Depash