Depash - Depression und Angst Selbsthilfe e.V. Nordhessen

Angst, Depression und gemeinschaftliche Verantwortung

Am 16.03.2004 fand in der Gaststätte “Kaisers Sternstunden” in Vollmarshausen ein Fachvortrag mit der Referentin Frau Dr. Inge Ferbert zum Thema "Angst, Depression und gemeinschaftliche Verantwortung" statt. Initiatoren waren die Gruppen Kaufungen und Wellerode.

Ca. 30 Personen waren der Einladung zu unserer Veranstaltung gefolgt, die durch unsere 1. Vorsitzende, Helga Jakob, mit einer kurzen Vorstellung unseres Vereines eröffnet wurde. Im Anschluß daran erteilte Helga J. das Wort an die Referentin, die sich ebenfalls kurz vorstellte und zur Einleitung zum Referat den Anwesenden eine Geschichte vorlas.

Die Geschichte

Ein Prophet steht vor einer Tür. Er geht durch sie hindurch und sieht dort einen riesigen Topf mit Suppe und sehr viele Menschen, von denen jeder mit einem Löffel, der so groß ist wie er selbst, vor diesem steht und verzweifelt versucht, daraus zu essen, was nicht gelingen will, da der Löffel zu groß und zu schwer ist. Alle sind ausgehungert und aus Unzufriedenheit darüber, dass es ihnen nicht gelingen will aus dem Topf essen zu können, aggressiv ihren Mitmenschen gegenüber.

In dem Raum befindet sich eine zweite Tür. Er geht hindurch und sieht wiederum sehr viele Menschen um einen riesigen Topf mit Suppe stehen. Auch diese Menschen haben alle Löffel, die so groß sind wie sie selbst, dennoch sind alle in diesem Raum wohl genährt. Warum? Sie helfen sich gegenseitig, die Suppe aus dem Topf zu löffeln. Fazit: Nur gemeinschaftlich können wir Aufgaben, die an uns gestellt werden, erreichen, doch dies funktioniert nur, wenn wir bereit sind, für uns selbst die Verantwortung zu übernehmen.

Der Mensch neigt immer wieder dazu, in seine alten “Verhaltensmuster” zu fallen. Er muß beschließen, einen anderen Weg einzuschlagen und nicht immer wieder den gleichen Fehler zu machen. Im leichten Maß gehören Angst und Depressionen zum Leben, denn wenn wir neues wagen, haben wir Angst, was auf uns zukommen wird.

Wir müssen versuchen, Kräfte wie Mut und Vertrauen zu entwickeln und müssen von etwas Abschied nehmen, um uns etwas neuem zuwenden zu können.

Das Leben von Betroffenen ist eingeschränkt durch seine Erkrankung, doch wie kann man diesen Kreislauf durchbrechen? Als erstes müssen sich Patienten klar machen, dass die jetzige Situation und auch die Vergangenheit dazu beigetragen haben, dass der Betroffene unter Angst, Depression oder beidem leidet. Seelisches Leid hat immer einen Sinn und ist ein Signal dafür, dass das Leben in Ungleichgewicht geraten ist. In der Regel sind diese Erkrankungen verbunden mit unbefriedigten Bedürfnissen.

Fallbeispiel 1

Eine Frau, 30 Jahre, 4jährige Tochter leidet unter Ängsten mit Panikattacken und depressiver Stimmung. Sie empfindet diesen Zustand als Bedrohung für sich, sie weiß nicht, was los ist und möchte diesen Zustand ändern. Im Gespräch erzählt sie, dass sie eine trostlose Ehe führt, ihr Mann sehr passiv ihr gegegenüber reagiert, was sie früher so nicht gesehen hat, denn sie dachte, er wäre ihr ruhiger Pol. Ihre Energie geht zu Ende und sie denkt an Trennung, doch sie hat Angst vor der Reaktion und fühlt Wut, dass sie sich nicht traut und richtet diese gegen sich selbst. In ihrer Kindheit hat sie einen unberechenbaren Vater erlebt, ihre Mutter war sehr früh gestorben. Sie ist bei ihrer Oma aufgewachsen. Durch ihren Vater erlebte sie in frühster Kindheit Demütigung und Mißachtung, was sich in ihrer Ehe durch die passive Haltung ihres Mannes wiederholt. Sie fühlt sich wertlos. In der Therapie wurde versucht, das Selbstwertgefühl zu stärken und als diese Patientin die Zusammenhänge erkannte und die Wut nicht mehr gegen sich selbst richtete sondern sie raus ließ, kam die Entlastung für sie.

Zusammenfassung

Früher: Situation: Wird nicht von Mann beachtet. Gedanke: “Ich bin nichts Wert” Gefühle: Angst, Trauer, Ohnmacht, mutlos Verhalten: Rückzug. Neu: Situation: Wird nicht von Mann beachtet. Gedanken: “Ich weiß um meinen Wert und erwarte Achtung von ihm”, “ich bin nicht auf ihn angewiesen” Gefühl: Wut Verhalten: In Kauf nehmen der Trennung.

Fallbeispiel 2

Mann, 20 Jahre, Student, der durch sein Studium weg ziehen mußte. Ferner hat sich seine Freundin kürzlich von ihm getrennt. Er leidet unter Panikattacken, depressiver Stimmung und Gewichtsreduktion. Seine Mutter wuchs in einer Pflegefamilie auf und versuchte ihm all das zu geben, was ihr selbst gefehlt hatte. Er wuchs überbehütet auf. Seine Freundin trennte sich von ihm, weil sie die Einengung nicht ertragen konnte. Er hatte nie gelernt, Eigenverantwortung zu übernehmen und hat in ihr seine Mutter gesehen. Er hat Angst zu versagen. Seine Gewichtsabnahme kommt durch die Nichtversorgung.

Was ist zu tun?

Der Patient muß lernen für sich selbst zu sorgen, sowohl körperlich als auch seelisch. Er muß eine erwachsene Partnerschaft führen, keinen fürsorglichen Mutterersatz.

Fallbeispiel 3

Mann, 50 Jahre, leidet unter Zukunftsangst, da er gerade im Job die Leitung einer Abteilung übernommen hat. Er fühlt sich minderwertig, ist der Meinung, er habe nicht genug Fachwissen für diese Aufgabe, er ist Perfektionist, hat Angst vor falschen Entscheidungen und maßregelt seine Mitarbeiter nur begrenzt. Zu Hause ist er seiner Familie gegenüber oft schroff, versucht seinen Angehörigen seine Meinung aufzuzwingen und ist wütend, wenn diese anders reagieren, als er es sich gewünscht hätte. In seiner Kindheit herrschte strenge Ordnung, er wurde bestraft, wenn etwas nicht zur Zufriedenheit seiner Eltern ausgeführt wurde, auf Leistungen wurde großer Wert gelegt. Sein Vater arbeitete leistungsorientiert, Vergnügen gab es kaum, Liebe, Zuneigung und Sex wurden “ausgeblendet”. Liebe erfuhr der Patient ausschließlich durch Leistung. Immer wieder mußte er sich anpassen und immer wieder hatte er Angst zu versagen. Nie durfte er er selbst sein, erfuhr eine “seelische Verbiegung” durch seine Eltern.

Was ist zu tun?

In der Therapie sollten die Stellen beleuchtet werden, die für sein Verhalten maßgebend sind. Es sollten neue Ziele entwickelt und das Selbstvertrauen im Beruf gestärkt werden. Er sollte versuchen, sein “anerzogenes Muster” einer Beziehung in eine liebevolle Beziehung umzuwandeln.

An diesen 3 Fallbeispielen konnte man erkennen, dass die frühe Kindheit eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Persönlichkeit spielt. Ideal sei es, wenn Eltern ihren Kindern eine gesunde Eltern-Kind- u. Paarbeziehung bieten, sie ihren Kindern eine liebe- und respektvolle Erziehung ermöglichen. Frauen sollten ihr “Mutter sein” mehr wertschätzen, denn die Liebe ist die tragende Kraft und wenn diese fehlt, reagieren wir mit Zerstörung gegen uns oder andere.

Senia W., Gruppensprecherin der Gruppe Wellerode, bedankte sich im Namen unseres Vereines für diesen überaus interessanten Vortrag und überreichte als kleines Dankeschön einen Blumenstrauß an Fr. Dr. Ferbert, die im Anschluß noch gestellte Fragen aus dem Publikum beantwortete.

Redaktion: Carmen B.