Depash - Depression und Angst Selbsthilfe e.V. Nordhessen

Depression - Ich kann nicht wollen

Am 03.06.02 fand in Zusammenarbeit mit der Selbsthilfegruppe “Frauen nach Krebs” Homberg ein Fachvortrag zum Thema “Depression - Ich kann nicht wollen” statt. Die Veranstaltung war mit ca. 65 interessierten Zuhörern gut besucht.

Die Leiterin der Selbsthilfegruppe Frauen nach Krebs, Frau Dingel, begrüßte alle Anwesenden herzlich und gab das Wort an die Referentin weiter.

Frau Dr. Lohmann begrüßte alle Anwesenden und brachte ihre Freude über die gut besuchte Veranstaltung zum Ausdruck. “Die Krankheit Depression betrifft zu gleichen Teilen Frauen und Männer, nur gehen beide Geschlechter unterschiedlich mit der Erkrankung um”, so die Referentin.

Typisch für einen an Depression leidenden Menschen ist, dass er sich selbst sehr unter Leistungsdruck setzt. Er hat das Gefühl, seine Leistungen reichen nicht aus, er müsste noch viel mehr schaffen.

Ebenso typisch ist das Grübeln. Ein Betroffener denkt ständig über seine Situation nach, macht sich Gedanken, wie sein Umfeld auf die veränderte Lage reagiert, wie er seiner Familie, Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen erklären kann, dass er eben nicht die Leistungen erbringt, die von ihm erwartet werden, er nicht mehr reibungslos funktioniert.

Auch Veränderungen spielen eine große Rolle. Nicht nur das Denken an sich ändert sich, nein, Depressionen schaffen auch körperliche Veränderungen. Viele Betroffene haben Schmerzen ohne dass eine organische Erkrankung vorliegt. Dies kann z.B. ein Engegefühl in der Brust sein, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Schlafstörungen. Die Schmerzen sind in einer Depression genauso wie bei einer organischen Erkrankung anzusehen. Sie stehen einer körperlichen Erkrankung in nichts nach.

Neben den körperlichen Symptomen der Depression gibt es auch die seelischen. Depression = niedergedrückt sein, was sich u.a. in Trostlosigkeit, Interesselosigkeit, Traurigkeit, vermindertem Appetit, Hoffnungslosigkeit und Rückzug äußert. Ein Betroffener vernachlässigt sein komplettes Umfeld. Er ist zwar unter starkem Selbstzwang dazu in der Lage, seine täglichen Arbeiten zu leisten, vernachlässigt aber z. B. seine Familie und Hobbies. Er hat das Gefühl, in sich selbst gefangen zu sein und sieht keinen Ausweg, sich selbst daraus zu befreien. Die Depression ist ein ganzheitliches Symptom, d. h., sie befällt Körper und Seele gleichermaßen. Das, was dem Betroffenen sonst “locker” von der Hand ging, fällt ihm nun unheimlich schwer, er funktioniert nicht mehr so, wie er es gewohnt war. Die Depression ist mit einem starken Gefühl von Verunsicherung verbunden. Tägliche Anforderungen erscheinen dem Betroffenen als ein riesiger Berg, den es zu erklimmen gilt. Er hat das Gefühl, dass das gar nicht zu schaffen ist und fühlt sich so überfordert, fühlt sich dem nicht gewachsen.

Der Betroffene stößt in seinem Umfeld immer wieder auf Unverständnis. Aussagen wie “reiß dich mal zusammen!” verunsichern den Erkrankten. Er möchte sich ja zusammenreißen, kann es aber nicht, da es nicht am Willen liegt, sondern daran, dass die Depression eine ernsthafte Erkrankung ist. Eine Depression hat nichts mit Versagen zu tun, auch wenn viele Betroffene sich Vorwürfe machen, in vielerlei Hinsicht plötzlich zu versagen. Diese Gedanken quälen jeden an Depression erkrankten Menschen. Hier gilt es, dem Depressiven klar zu machen, dass sie keinesfalls versagen, sondern im Augenblick den Anforderungen wegen der Erkrankung nicht gewachsen sind. Es liegt nicht an ihnen, sondern an der Krankheit.

Wie kommt es zu einer Depression?

Es gibt durchaus Familien, in denen eine Depression vermehrt auftritt (Vererbung). Die Erziehung spielt ebenfalls eine große Rolle. Wir nehmen von kleinauf Verhaltensmuster unserer Eltern an bzw. werden sie anerzogen. Menschen, die unter Depressionen leiden weisen oft das Verhaltensmuster auf, ihrem Ärger, ihrer Enttäuschung keinen Raum zu geben. Sie behalten es für sich, denken an das Wohlergehen der anderen, so dass ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse immer weiter nach hinten rücken und somit meistens unerfüllt bleiben. Viele Betroffene haben auch einen Hang zum Perfektionismus. Sie sind übergenau in allen Dingen, die sie beginnen, setzen sich selbst unter Leistungsdruck. Die häufigsten Entstehungsgründe für Depressionen sind:

  • Verluste (Todesfall, Trennung, Jobwechsel)
  • Andauernde Belastungen (Stress im Job, Trennung vom Partner, Kind etc., Pflegschaft)

Wie komme ich aus einer Depression heraus?

Der erste Schritt ist die Einsicht, erkrankt zu sein. Die meisten Patienten denken, dass sie das schon allein schaffen, dort wieder heraus zu kommen, dies klappt aber nur in den wenigsten Fällen. Liegt eine behandlungsbedürftige Depression vor, so schafft es ein Betroffener nicht allein. Z.B. bei Liebeskummer ist es eher möglich, allein wieder aus der Depression zu kommen, da es sich hierbei meist um eine zeitlich begrenzte depressive Verstimmung handelt, was nicht pauschalisiert werden kann, denn jeder Mensch reagiert auf Verluste anders.

Man spricht von einer Depression, wenn die dafür typischen Symptome mindestens 2 Wochen andauern und keine Besserung in Sicht ist. Stellt man also fest, dass die Symptome über einen längeren Zeitraum hinweg vorhanden sind, ist es wichtig, sich Hilfe zu holen. Die erste Anlaufstelle sind die Hausärzte. Leider wird eine Depression oftmals erst sehr spät erkannt, da die Symptome eine körperliche Erkrankung ja nicht ausschließen und dies zunächst einmal durch diverse Untersuchungen ausgeschlossen werden muss.

Es ist also wichtig, dass Erkrankte mit ihrem Hausarzt über Gefühle (z. B. dass man sich niedergeschlagen / niedergedrückt fühlt) sprechen. So kann eine Depression ggf. schneller diagnostiziert werden und es geht keine wertvolle Zeit durch unnötige Untersuchungen verloren. Die andere Möglichkeit ist einen Termin mit einem Facharzt (Psychologe / Psychotherapeut) auszumachen oder sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Durch den Austausch mit Betroffenen kann sich der Erkrankte Rat und Unterstützung in bezug auf die Erkrankung holen und trifft dort auf das Verständnis, was seine Umwelt ihm nicht entgegenbringen kann.

Medikamentöse Behandlungen sind in einer Depression sinnvoll und wichtig, denn sie unterstützen den Patienten. Antidepressiva machen nicht abhängig, brauchen aber Zeit zu wirken. In den ersten 2 Wochen treten oftmals die genannten Nebenwirkungen in Erscheinung (Zittern, Mundtrockenheit, verstärktes Schwitzen). Sind diese nach 4-6 Wochen nicht abgeklungen, sollte der Betroffene mit seinem Arzt darüber sprechen und das Medikament wechseln. Antidepressiva bewirken, dass sich der bei Depression verminderte Serotoninspiegel wieder herstellt, sie bewirken keine Persönlichkeitsveränderung und sind keine Bedarfsmedikamente. Ein Medikament kann nur dann greifen, wenn das Präparat regelmäßig eingenommen wird. Sobald eine Besserung der Situation eintritt, sollte das Medikament schleichend wieder abgesetzt werden.

Ebenso wichtig wie die medikamentöse Behandlung ist die Psychotherapie. Hier werden negative Sichtweisen bearbeitet, es wird ausgearbeitet, wo die Stärken und Schwächen des Betroffenen liegen, es wird daran gearbeitet, dass der Erkrankte eine realistische Selbstsicht erhält, Verhaltensmuster, die zur Erkrankung führten, werden analysiert und bearbeitet, so dass der Betroffene lernt, mit der Krankheit zu leben, ohne sein weiteres Leben nur noch alles grau in grau zu sehen.

Ein Erkrankter muss lernen, auch mit begrenzten Kräften auszukommen, er muss lernen, in kleinen Schritten Ziele zu erreichen und sich diese auch bewusst machen, wenn er sie erreicht hat. Sinnvoll ist z.B. ein Tagesplan, worin der Betroffene genau aufführt, was er erledigen möchte. Wichtig hierbei ist, den Plan mit kleinen Aufgaben auszulegen, es darf dabei nicht zu einer Überforderung kommen. Schließlich soll sich der Betroffene über die geschafften Aufgaben freuen können und nicht enttäuscht sein, dass er nicht alle Punkte geschafft hat!

Wichtig ist körperliche Betätigung (2-3x wöchentlich z.B. eine halbe Stunde Rad fahren, spazieren gehen, sonstige sportliche Aktivitäten).

Ebenso wichtig ist es, kleine Aktivitäten zu unternehmen, sich nicht völlig aus dem Leben zurück zu ziehen (sich ablenken durch z.B. ein Treffen mit Freunden, Besuch einer Selbsthilfegruppe)

Im Anschluss stellte Frau Dr. Lohmann einen Fragebogen zum Thema Depression vor, beantwortete Fragen und ging auf Anregungen ein.

Gesprächsrunde:

Es wurde angeregt, an dem negativen Image von Depressionen zu arbeiten. So wäre es für Betroffene um einiges leichter, sich zu outen. Erkrankte haben oftmals Angst, selbst in der Familie offen über ihre Erkrankung zu sprechen. Noch schwerer fällt dies im Bekanntenkreis und bei Kollegen. Leider ist es immer noch so, dass ein Mensch, der an Depressionen leidet, oftmals als Simulant hingestellt wird. Genau an diesem Image gilt es zu arbeiten, die Krankheit noch viel besser öffentlich zu machen, Medien einzuschalten etc. Man darf auch nicht vergessen, dass es für einen Betroffenen sehr schwer ist, für sich selbst zu akzeptieren, an dieser Krankheitsform zu leiden. Trifft er in seinem näheren Umfeld dann schon auf Unverständnis, ist es für ihn noch viel schwerer, mit dieser Erkrankung zu leben.

Es sollte daran gearbeitet werden, dass bei seelischen Erkrankung die Wertschätzung ebenso wie bei körperlichen Erkrankungen da ist. Die seelische Erkrankung ist nun mal nicht sichtbar wie ein gebrochenes Bein, verliert laut Aussage von Anwesenden somit an Wert, leider nicht nur im Umfeld, sondern auch gelegentlich bei Hausärzten.

Der von Fr. Dr. Lohmann vorgestellte Fragebogen zur Diagnose “Depression” sollte, laut Anwesenden, auch bei Hausärzten ausgelegt werden. Fr. Dr. Lohmann stimmte dieser Anregung zu.

Anwesende gaben zur Anregung, dass es leider fast unmöglich ist, kurzfristig einen Therapieplatz zu erhalten. Die Wartezeiten sollten deutlich verkürzt werden. Fr. Dr. Lohmann stimmte dem ebenso zu, gab aber zu Bedenken, dass eine Therapie ja auch einige Zeit (zwischen 1-3 Jahren) in Anspruch nimmt, es einfach noch zu wenig Therapeuten gibt, um den Bedarf abzudecken.

Es wurde die Frage gestellt, ob der Serotoninspiegel messbar ist. Antwort: In einem komplizierten Verfahren schon, dabei müssen die Nervenbahnen freigelegt werden. Über eine normale Blutentnahme ist der Spiegel nicht messbar.

Wir bedanken uns bei der Referentin, Fr. Dr. Lohmann, für den interessanten Vortragsabend, sowie bei den Helfern aus unseren Reihen, die in Zusammenarbeit mit der SHG “Frauen nach Krebs” diesen Abend ermöglichten.