Depash - Depression und Angst Selbsthilfe e.V. Nordhessen

Mit Depressionen leben

Am 08.05.02 fand im DGH Loshausen unser 1. Fachvortrag des Jahres zum Thema “Mit Depressionen leben” statt. Die Veranstaltung war mit ca. 50 Zuhörern gut besucht. Unsere 1. Vorsitzende Helga Jakob eröffnete die Veranstaltung mit einer Begrüßung und kurzer Vorstellung der Tätigkeiten unseres Vereines. Im Anschluß übergab sie dem Referenten das Wort.

Hr. Dr. Schwarzmayr gab seine Freude, von einer Selbsthilfegruppe eingeladen worden zu sein, einen Vortrag zu diesem interessanten Thema halten zu dürfen, zum Ausdruck. Die Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfegruppen und den klinischen Institutionen sollte und kann noch verbessert werden, so Hr. Dr. Schwarzmayr.

Hr. Dr. Schwarzmayr entschuldigte sich für den etwas unglücklich gewählten Titel, denn es ist nicht einfach, mit Depressionen zu leben, man sollte sie nicht einfach nur ertragen, nein, man sollte sie stattdessen diagnostizieren und adaquat behandeln. Dies geschieht leider nur in 50 % aller Fälle. Leben mit Depression heißt nicht, resignativ die Flinte ins Korn zu werden, sondern aktiv etwas gegen die Krankheit zu unternehmen. Und dazu sind unter anderem die Selbsthilfegruppen sinnvoll.

Leben mit Depression, das ist einfacher gesagt als getan. Depressionen sind lebensbedrohliche Erkrankungen, denn ca. 10-20 % aller depressiven Patienten begehen einen erfolgreichen Suizid. 80 % der Patienten denken im Laufe ihrer Erkrankung daran. Oftmals ist die Meinung verbreitet, daß wer Selbstmord ankündigt, diesen nicht ausführt. Diese Aussage kann nicht bestätigt werden, denn ein Patient begeht Suizid, wenn seine Umwelt nicht reagiert. Jeder Angehörige, Freund, Bekannte, Verwandte, sollte einer Ankündigung stets Aufmerksamkeit schenken, den Patienten zu seinem Hausarzt oder Psychologen oder gar in eine Klinik bringen. Lieber 1x mehr helfen, auch wenn es sich als blinder Alarm herausstellt, als sich ein Leben lang Vorwürfe machen, nicht gehandelt zu haben.

Was sind Depressionen?

Depressionen sind sehr häufig seelische Erkrankungen. Die Vorurteile, die oft herrschen, nämlich das psychiatrische Patienten gemeingefährlich sind und weggeschlossen werden müssen, möchte ich hiermit aus der Welt schaffen. Und daß sie irgendwie sonderbar sind, ebenfalls. Depressive Patienten sind keineswegs ungewöhnlich oder andersartige Menschen, und gefährlich sind sie schon gar nicht. Sie sind eher für sich selbst gefährlich, nicht für andere.

Wie äußern sich Depressionen?

Ein häufiges Vorurteil ist, daß öfter die Depression mit der Traurigkeit gleichgesetzt wird. “Ich fühle mich heute so depremiert”, diesen Satz kennt wohl jeder. Depressionen äußern sich zwar eventuell auch in Traurigkeit, dies ist aber keineswegs das typische Symptom, denn eher klagen Patienten darüber, keine Gefühle mehr ins sich zu spüren, eine innere Leere zu haben, sich innerlich versteinert zu fühlen.Das Gefühl der “Gefühlslosigkeit” ist aber nur eines der Symptome. Hinzu kommen:

  • Schafstörungen mit Einschlafstörungen, häufigem nächtlichen Erwachen, gelegentlich auch bereits Früherwachen, selten deutlich vermehrter Schlaf
  • Ständige Müdigkeit, Erschöpfbarkeit
  • Nachlassendes sexuelles Interesse, sexuelle Störungen
  • Zunehmende Lustlosigkeit und Desinteresse, auch ein Gefühl der Langeweile und Leere
  • Verlust an Fröhlichkeit, geringere Ansprechbarkeit auf angenehme Erlebnisse

Noch ein weiterer Faktor ist die Antriebsverminderung. Das Interesse und die Freude an früheren Tätigkeiten, wie z. B. das Ausüben von Hobbies, geht verloren. Ziele, die sonst eine große Rolle im Leben spielen, werden nicht mehr gefaßt. Hinzu kommt, daß Partnerschaften, die Familie und Freunde vernachlässigt werden, ebenso alltägliche Dinge wie die Nahrungsaufnahme und Hygiene werden vernachlässigt.

Hinzu kommt eine Antriebshemmung, die sich darin äußert, daß sich Patienten zu allem zwingen und aufraffen müssen, nichts geht mehr von allein. Alles, was früher selbstverständlich war, fällt dem Patienten schwer. Die Antriebshemmung kann sich auch in der Sprache und im Denken bemerkbar machen, d. h., daß Patienten langsamer sprechen, sich langsamer bewegen, verzögerte Reaktionen und verlangsamte Auffassungsgabe haben.

Tritt die Denkverlangsamung ein, wird die Sprache zunehmend inhaltsleerer, Kreativität und Einfälle versiegen. Aber es besteht auch eine Denkhemmung. Konzentrations- und Merkfähigkeit gehen verloren, die Auffassungsgabe ist erschwert. Auch verändern sich die Denkinhalte. Schuld und Insuffiziensgefühle können sich bis hin zum depressiven Wahn steigern. Veränderte Denkinhalte treten z. B. auch in Form von hypochondrischen Befürchtungen, pessimistischen Zukunftsperspektiven und Verarmungsideen auf.

Oftmals ist auch der Appetit bei depressiven Patienten vermindert.

Bei vielen Patienten treten sehr häufig Schmerzen auf. Hier gilt die Faustregel: je lokalisierter ein Schmerz ist, desto eher ist er organischer Natur. Die depressiven Patienten mit Schmerz-Symptomen berichten, daß sie am ganzen Körper Schmerzen haben, überall tut es weh. Die Schmerzzustände können so im Vordergrund stehen, daß man die dahinterliegende Depression lange nicht erkennt, man spricht dann von larvierter Depression.

Typischerweise geht es den Patienten nicht den ganzen Tag gleich schlecht. Man beobachtet oft ein Morgentief, gegen Abend kommt es zur Stimmungsaufhellung. Auch die typischen Schlafstörungen sind noch ein Rätsel: die Patienten berichten oft, daß sie relativ gut einschlafen, aber gegen 5 Uhr früh erwachen. Man diskutiert eine Veränderung unserer inneren Uhr, des circadianen Rhythmus, wie man es in der Fachsprache auch nennt. Hier greifen auch einige Therapieverfahren an. So kann man mit einer Wachtherapie, bei der der Patient in der zweiten Nachthälfte geweckt wird und diese Hälfte der Nacht wach bleibt, oft eine positive Veränderung feststellen und den Patienten damit helfen. Diese Form kann man auch prima zu Hause fortführen, wenn der Patient merkt, eine Depression ist im Anflug.

Auch die sogenannte Lichttherapie, die leider nicht von der Krankenkasse übernommen wird, hat hier ihren Ursprung. Es wurde beobachtet, daß bei den sogenannten saisonalen Depressionen, die meist im Herbst oder Frühjahr auftreten, eine Besserung durch diese Behandlungsform eingetreten ist.

Neben dem Gefühl des Abgeschlagenseins tritt paradoxerweise oft ein Gefühl der inneren Unruhe, die sich z. B. im rastlosem Hin- und Herlaufen äußert, auf. Diese Agitiertheit ist wohl mit den Angst- und Panikattacken, die man in depressiven Phasen beobachtet, verwandt.

Welche Formen der Depression gibt es?

Hierzu ist erst einmal zu sagen, daß die Depression keine Diagnose sondern ein Symptom ist. Man muß folgende Erkrankungen abgrenzen:

  • Organische Depressionen
  • Postschizophrene Depressionen
  • Schizoaffektive Störungen
  • Anpassungsstörungen
  • Depressive Persönlichkeitsstörungen

Es gibt viele Ursachen für eine Depression, was in der alltäglichen Praxis aber oftmals gar keine so entscheidende Rolle spielt. Die Therapie ist nämlich in jedem Fall gleich:

Die Kombination Antidepressiva + Psychotherapie ist jeder anderen Therapie überlegen!

Medikamente

Antidepressiva sind Psychopharmaka und damit unterliegen sie wiederum zwei Vorurteilen: Psychopharmaka sind suchterzeugend und persönlichkeitsverändernd. Diese beiden Vorurteile treffen auf die Antidepressiva keinesfalls zu. Sie verändern weder die Persönlichkeit noch machen sie süchtig. Wenn wir von Persönlichkeitsveränderung im weitesten Sinne sprechen, dann in dem, daß Antidepressiva die Persönlichkeit im positiven Sinn verändern, sie helfen nämlich aus der Depression heraus. Es ist also wichtig, eine Kombination aus Medikamentenverabreichung und Gesprächen dem Patienten zu bieten.

Bei Antidepressiva werden zwei typische Fehler gemacht:

  • Sie werden zu lange gegeben und
  • Sind zu niedrig dosiert.

Oft ist zu beobachten, daß Patienten ein Medikament über Monate hinweg einnehmen, ohne daß eine Besserung der Situation eingetreten ist. Es ist Fakt, daß Antidepressiva erst nach 2 – 6 Wochen ihre Wirkung entfalten. Es nützt auch nichts, wenn der Patient der Meinung ist, er schluckt den Tag am besten mal 2 Pillen, weil es ihm besonders schlecht geht. Antidepressiva sind keine Bedarfsmedikamente!

Zu Beginn einer Behandlung tritt in den meisten Fällen erst eine Verschlechterung des Zustandes des Patienten ein. Dies liegt daran, daß das Medikament noch keine Wirkung hat, aber sich bereits Nebenwirkungen zeigen können.

Fazit: Wenn also ein Medikament nach 6 Wochen nicht wirkt, muß das Medikament gewechselt werden.

Zum Glück ist unsere Pharmaindustrie so weit fortgeschritten in den letzten 15 Jahren, daß es eben nicht nur zwei Gruppen von Antidepressiva, nämlich die trieyelischen und die Momoaminooxydasehemmer gibt. Wir haben heute ein weitaus größeres Spektrum, Depressionen medikamentös behandeln zu können. Folgende Gruppen sind in den letzten Jahren zur Behandlung hinzu gekommen:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (z.B. Cipramil)
  • Selektive NA-Wiederaufnahmehemmmer (Edronax)
  • Noradrenalin und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Remergil)
  • Duale Serotonerge Substanzen (Nefadar)

Also haben wir heutzutage ein breites Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. In der Regel wird dabei eine Monotherapie mit einem Präparat ausreichend sein. Mit einem Präparat werden bis zu 70 % der Patienten beschwerdefrei.

Wie kann ich mit meiner Depression oder der Depression eines Familienmitgliedes umgehen?

  • 1. Versuchen Sie nicht den Patienten die Depression auszureden. “Kopf hoch” oder “Reiß dich zusammen” führen garantiert nur zu einem: der Patient fühlt sich unverstanden und kapselt sich noch mehr ab. Betonen Sie stattdessen, daß Sie ihn verstehen, seine Hoffnungslosigkeit aber nicht teilen: “Ich kann verstehen, daß du das jetzt so siehst, aber Du wirst wieder gesund werden” Gerade die Betonung der guten Prognose ist für viele Patienten wichtig. Selbst wenn Sie das Gefühl haben, daß Sie ihren Angehörigen gar nicht mehr erreichen, machen Sie ihm Mut. Viele Patienten berichten nach Ihrer depressiven Phase, daß Sie immer wiederkehrende, ja Gebetsmühlenartig vorgetragene Ermutigung sehr wohl erreicht hat.
  • 2. Seien Sie aktiv. Das bedeutet nicht nur seine Pflicht zu erfüllen. Das tun Depressive, die gewöhnlich eher übergewissenhaft sind, sowieso. Tun Sie das, was Ihnen – zumindest früher – Freude bereitet hat. Bedenken Sie: Depressive Menschen haben eine Antriebshemmung, haben aber meist ein ausgeprägtes Pflichtgefühl. Sie raffen sich also noch auf, ihre Pflichten zu erfüllen, das Posivive schaffen sie dann aber nicht mehr. Was wird ein Mensch, der nur noch Pflichten erfüllt, aber sonst keinerlei Lebensfreude mehr hat? Richtig! Depressiv!
  • 3. Gehen Sie zu einem Arzt, am besten zu einem Psychiater. Der versteht von dieser Krankheit etwas und wühlt keineswegs in ihrer Kindheit herum, dazu hat er meist nämlich gar keine Zeit. Der Arzt soll nach Ausschluß einer organischen Ursache ein Medikament verschreiben. Nochmals zur Erinnerung: Die Kombination Antidepressiva und Psychotherapie ist jeder Einzeltherapie überlegen.
  • 4. Nehmen Sie die Medikamente dann auch gewissenhaft ein! Ein Medikament, daß in der Mülltonne landet, kann nicht helfen. Wenn Sie Nebenwirkungen verspüren, sprechen Sie Ihren Arzt an.
  • 5. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über eine Psychotherapie. Seien Sie offen dafür, wenn er Ihnen eine Psychotherapie vorschlägt. Seien Sie auch offen dafür, wenn er Ihnen (zur Zeit) davon abrät. Meist hat er seine Gründe dafür, eine Therapie nicht zu befürworten.
  • 6. Nehmen Sie Selbstmorddrohungen immer ernst und handeln Sie dann rasch. Die Zeitspanne zwischen erstem Gedanken an der Tat und der Tatausführung beträgt meist 24 Stunden. Viel Zeit zum Handeln bleibt Ihnen also nicht. Bringen Sie ihren Angehörigen – notfalls auch gegen seinen Willen – in eine Fachklinik, zu Ihrem Hausarzt oder Therapeuten.
  • 7. Haben Sie Geduld. Depressionen sind gut behandelbar, aber die Therapie braucht Zeit. Haben Sie Geduld mit sich und mit ihrem Therapeuten. Wer sich sagt, in 3 Wochen muß ich fit sein, wird die Tage zählen, daß kann nicht funktionieren.
  • 8. Zur medikamentösen Therapie tritt (zumindest in der Klinik) noch eine Fülle von anderen Therpien hinzu. Ergotherapie und Bewegungstherapie sind hier an erster Stelle zu nennen.
  • Wenn Sie all diese “Regeln” beherzigen, haben Sie schon fast gewonnen.

    Im Anschluß an den Vortrag wurden vom Publikum Fragen an Hr. Dr. Schwarzmayr gestellt, die er ausführlich beantwortete. Es entstand eine sehr anspruchsvolle Diskussionsrunde.

    An dieser Stellen möchten wir uns bei Hr. Dr. Schwarzmayr herzlich für den sehr interessanten und aufschlußreichen Vortrag bedanken. Unser Dank gilt auch der Gruppe Treysa, die diese Fachveranstaltung organisierte.